Der Body der Botin der Botschaft

Kunstverein Weiden

9. Mai – 22. Juni 2014

Die Arbeit von Susanne Neumann lässt sich inhaltlich als eine Sammlung von Erinnerungs-Stücken und Reise-Impressionen bezeichnen, die eine irritierende Vielheit kennzeichnet. Sie inspiriert aber gleichermaßen, sich auf die Suche nach dem Band zu machen, das die Teile unterschwellig verbindet. Dabei stößt der Betrachter auch auf die Frage der künstlerischen Existenz im Laufe der Zeit, im Zeitalter der elektronischen Medien und im Zusammenhang mit der technisch machbaren Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen heute. 

Auf eine kurze Formel gebracht ist der bildende Künstler ein Bote, der mit Bild-Medien Botschaften befördert, und er ist Teil eines Betriebs-Systems Kunst, somit ist jede Botschaft, die der Künstler befördert, auch eine Nachricht über die Existenz der Kunst, soweit sie Produkt und Inhalt des künstlerischen Betriebssystems ist. Dieser autopoetische, sich selbst erzeugende Betrieb, wird häufig mit der Idee einer absoluten Kunst verwechselt. Von dieser Idee nährt sich die Sehnsucht.

Susanne Neumann verbildlicht diesen Grundgedanken in ihrem Werk. Dies geschieht dadurch, dass sie das Abfahren einer bestimmten Route durch halb Europa in unterschiedlicher Weise künstlerisch reflektiert und insgesamt als Performance-Projekt aufzieht. Sie fährt mit einem silbergrauen VW Golf von ihrem Heimatort Waldsassen in der Oberpfalz über Berlin und Wien nach Seggiano, wo sie im Garten Daniel Spoerris in der Toskana arbeitet und ein eigenes Atelier unterhält. Insgesamt kultiviert sie ihr Unterwegs-Sein dergestalt, dass es zur hermeneutischen Metapher wird. 

Dies geschieht unter der besonderen Berücksichtigung des historischen Wandels im informationstechnologisch medialen Bereich, den - kultur-antropologisch betrachtet - angefangen von Buschtrommel und Mokassin-Telegrafen und Marathon-Läufer bis zum Internet eine zunehmende Trennung von Boten und Botschaft, von Körper und Signal kennzeichnet. Der Körper verschwindet. Er wird zum Fluchtpunkt der künstlerischen Bewegtheit. 

In diesem Sinne stellen die von Neumann verwendeten Arten der bildnerischen Medien, zu denen auch Windschutz-Scheibe und Rück-Spiegel gehören, ein kultur-geschichtliches Arsenal dar, das von Manifestationen klassischer materialgerechter Handwerklichkeit bis zum Computer-Programm reicht. 

Dabei sind es die Erfahrungen im Hautkontakt mit dem zu transportierenden Medium, auf die es der Künstlerin ankommt. Was Susanne Neumann interessiert ist die körpergestützte Nähe- und Ferne-Beziehung, die parallel zur körperlosen elektronischen Daten-Autobahn an den Medien festmacht; sie bildet den Raum, in dem sie ihre Thematik ausformt. 

Neumanns bildnerischen Aktivitäten im fahrenden Wagen und am Rande der Strasse, die da als Abstraktion von Kommunikation in Asphalt und Beton erscheint, werden zu Seh-Tankstellen, in denen die freie und irgendwie anachronistisch anmutende Wahl zwischen Objet trouvee, Zeichnung, Film, Malerei, Ready Made, Face-Book-Auftritt, Installation und anderem besteht. Dazu gehören sogar Teile einer insolventen Porzellan-Fabrik aus ihrem Heimatort, die sie von Waldsassen in das Ausstellungs-Gebäude „Halle 14 auf AEG“ nach Nürnberg transportierte. Unter anderem sind es Modeln, aus denen weltweit exportiertes und kommuniziertes Gebrauchs-Porzellan hervorgegangen war. 

Bedeutsam in der Relation zur menschlichen Körper-Größe ist dabei Neumanns Gleichstellung von Strasse, Auto und Bild als Kommunikations-Mittel. Das Auto fungiert hier als eine Art Rohr-Post-Behälter. Die Botin, die diesen Medien-Begriff in ihren Aktivitäten auslebt, ist als Fahrerin, Filmerin, Malerin und Macherin immer hautnah dran und reflektiert ihre körperliche Beanspruchtheit als Symbol im Kontext vergangener Boten-Kunst. 1000 Kilometer Waldsassen - Seggiano! 

Die Botin erfährt, dass das Erlebnis der Strasse, die sie zum Transport ihrer Botschaft benutzt, das herkömmliche Subjekt-Objekt-Verhältnis verkehrt. In der Berührung mit der Strasse, wird sie, die Botin, d.h. ihre körperliche Bedingtheit und das künstlerisch motivierte Leben, zur Botschaft, die sie eigentlich übermittelt und mit der sie verwächst. Die Botschaft, die der Rohr-Post-Auto-Behälter beinhaltet, ist die Botin, die Kunstwelt, die uns sagen will, dass es sie gibt, in Fleisch und Blut.

Wolfgang Herzer