Magazzino - Erbarmium

Sommergalerie Zöbing Niederösterreich

15. September – 2. Oktober 2018

ERBARMIUM ODER WAS?

Text von Stanislaus Mrkvicka, Künstler und Galerist, D und AT

Magazin- und Lagersituation nach Umschichtung der Möblage, durch Flucht aus der gewohnten Situation, spiegelt in erstaunlicher Weise die in ihrer Kunst eingefangene Vakanz von Ordnung wieder. Ausgeräumt, eingeräumt, hin- und hergeräumt, Orte vorübergehender Ablage, die kurzfristige Anwesenheit zuordenbarer Artefakte, die besitzlos geworden in Schönheit glänzen, sind ein Statement, dass nichts von Dauer sein kann. An verschiedensten Orten sind, sei es als Restauratorin, Initiatorin verschiedenster Kunstprojekte und in eigener Sache, ihre Spuren zu finden. Wie wir nach Zulieferung aus den Depo’s vermuten dürfen könnte sie ein »Erbarmium« für das Verbrauchte anlegen: Schrulliges wie es mal war, nicht notwendiges Notwendiges, den Bach runter gegangenes Unverzichtbares, Gegenstände die Humor heraus vordern. Kabel unter Strom, Litzen unter Last und der Slapstick –Trick steht’s oder nicht, halten die Welt wie schon immer zusammen.

Die wunderbare Autobahnmalerei hat sie für uns zu dem im Tornister. Örtliche Gerümpelkammern sind auch noch im Visier. Heute merkte sie an: so opulent war’s bei euch bisher noch nie. Ja. Wie herrlich das es so kommt. Kommen sie zu diesem wunderbaren Abschluss des sommmergalerieJahres, das sich von der Zeichnung Schritt weise in den Raum entwickelt hat. Wein von Oskar Hager.

 

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MÜLL ODER WER?

Text von Susanne Neumann

»Im Bett der Schwerkraft zur Ruhe kommen«. (Wolfgang Herzer)

Dinge sammeln und landen und branden bei und an mir an. Ich weiß nicht, wie sie den Weg zu mir finden. Das geschulte Auge, der viele Flohmarkt; Abfall und Einsturz ziehen mich magisch an. Ich weiß aber, welche Mühe sie bereiten. Der rostige Nagel in Schuh, dann Fuß schreckt mich genauswenig, wie der besonders hohe Bauzaun. Hinein ins Vergnügen. Objekte retten, Geschichte sammeln. Kunst machen. Recycling im besten Sinne. Ohne jedoch den Objekten meine Weltsicht aufzudrängen. Sie sollen wirken wie in Nirvanas Song »come as you are«. Ich entnehme die Dinge und arrangiere sie neu, nicht immer überraschend, manchmal scheint es fast so, als wären sie schon immer da gewesen oder nie weg. Das ist der Idealfall. Die Ausstellung verschmilzt mit dem Ausstellungsraum. Ein- und Ausgang, Ein- und Ausatmen.

Der Wertstoffhof in Langenlois und eine futuristisch leuchtend neuer Sammelpunkt an der Autobahnauffahrt Richtung Wien: alles ist auf Hochglanz gebracht, die Container, die Auffahrt, die Beschriftung. Abgegeben werden armselige Objekte und Spuren des Lebens. Der letzte Rest vom Schützenfest. Der Alltag, die Abnutzung und die Geschichte der Menschen steckt noch immer in den abgegriffenen Lampen, Schemeln und verstaubten Trophäen der Großväter. Ich habe in meiner Ausstellung mitgebrachtes und neue Fundstücke vermischt. Zöbing meets Waldsassen. Aber die Objekte verströmen einen immer ähnlich verstörenden Geruch des Abgelegten und Vergessenen. Ein Erbarmium!

In unmittelbarer Nachbarschaft zu Zöbing hat sich vor gut 10 Jahren der Meister des Sentimentalen Objektes niedergelassen. Daniel Spoerri, mit dem ich seit langer Zeit befreundet bin und dem ich einige Jahre als Assistentin zu Seite stand, erweise ich wie nie zuvor in meinen bisherigen Installationen, Hofknicks und Hommage. Der Haufen in der Mitte des Raumes erinnert an Spoerris Sammlungsgebiete und die daraus entstehenden Bilder; einiges haben wir wahrscheinlich auch zusammen bei diversen Flohmarktbesuchen erworben. Meistens sind ja auffallend enge Reminiszenzen zwischen Maestro und Schülerin zu vermeiden. Dieses mal habe ich ganz bewusst damit gespielt. Macht Sinn, wir sind ja hier mit der Sommergalerie am Kamp fast Nachbarn.

Neulich wäre ich beinahe im Kamp bis nach Hadersdorf geschwommen...

An der Stirnwand eine Sammlung von »Umverpackungen« aus der Porzellanindustrie. »Weisses Gold« ohne Inhalt. Aber schön. Sehr leicht.

An der groben Steinwand Portraits aus Gips. Es sind Menschen aus dem Tessin; die »Bessergestellten«, die sich vor gut 150 Jahren schicke letzte Ruhestätten mit Bronzetafeln leisten konnten; das Konvolut scheint mit der Wand zu verschmelzen; Friedhof und Tod, Autobahn und Autospiegel.

Die spektakuläre Sammlung abgerissener Autospiegel wächst Jahr um Jahr seit 2002. Bei Aufenthalten in Florenz sammle ich die Spiegel immer an ein und derselben Engstelle etwas außerhalb des Zentrums auf. Auch das: Spuren des Lebens – vor allen des Fahrens; diese Spuren habe ich in Malerei festgehalten: die Serie der Autobahnbilder entstand ca 2012 in der Schweiz; einem Daumenkino gleich fügt sich Bild an Bild. Die Wegstrecke durch die Alpen wird (von Bellinzona nach Chur) in chronologischen Bildern aufgefächert und auf Leinwand fixiert. Gedankenblitze, Bilder, Meditation, Autobahn.

Ein Video zeigt die Fahrt ins Zillertal, ich dokumentiere alle meine Wegstrecken mit Video, es sind immer dieselben. Wien, Seggiano, Seggiano, Waldsassen, Waldsassen, Wien. Zillertal.

Come as you are, as you were
As I want you to be
As a friend, as a friend
As an known enemy

Take your time, hurry up
The choice is yours, don't be late
Take a rest as a friend
As an old

Memoria, memoria
Memoria, memoria